Pseudonym: F / 1988   
  Datum Frage: 18/06/2010  
  Thema: Wohlsein  
  Themenbereich: Konflikte + Krisen  
  Titel: Bastle ich eine eigene Wirklichkeit?  
  Frage: Entschuldigung, aber irgendwie passt keines der ganzen Themen zu meiner Frage. Also hab ich einfach einen Bereich genommen... Meine Frage: Kann es sein, dass ich mir meine "eigene Wirklichkeit" schaffe? Ich habe in letzter Zeit mehrmals die Erfahrung gemacht, das Freunde zu mir kamen mit irgendwelchen Dinge, die ich gesagt oder getan haben soll und ich dann staune, weil das gar nicht stimmt. Aber es sind Leute, denen ich wirklich vertraue! Manchmal "sehe" ich auch Dinge nicht, die andere sehn, besonders wenn es um mein eigenes Verhalten oder Reden geht. Weil ich mich hauptsächlich an das erinnere was ich dabei GEDACHT habe, bin ich oftmals sehr verwirrt, wenn mich jemand falsch versteht. Und wenn etwas um mich herum passiert, dann weicht mein Erleben oft von der allgemeinen Wirklichkeit ab und dann gibt es ein Riesenchaos. Ich glaube ich bin einfach ausgesprochen subjektiv. Aber das ganze gibt so oft total unnötige Konflikte. Und meine Kollegen finden dann, dass ich "nicht normal" bin und Hilfe brauche. Aber selbt ein Psychologe kann mir doch nicht helfen, wenn ich keine Ahnung habe wo das Problem liegt?? Und ich weiss nicht, was nun wahr ist... Ihre oder meine Wirklichkeit? Oder eher ein Durchschnitt, weil ja jeder Mensch subjektiv beurteilt? Sie verunsichern mich mega und geben mir oft das Gefühl alles falsch zu machen. Irgendwie falsch zu sein, weil das ja ich bin. Manchmal weiss ich nicht, ob ich mir einfach meine kleine perfekte Welt nur zusammenträume... Spinn ich???  
       
  Antwort: Liebe lilofee,

Du musst dich nicht entschuldigen. Es ist manchmal wirklich nicht einfach, eine Frage einem Themengebiet zuzuordnen.

Eine spannende und kluge Frage, die du stellst. Und eine mutige dazu, weil du bereit bist, Dinge zu hinterfragen. Es stimmt, dass es ganz unterschiedliche Wahrnehmungen und Blickwinkel gibt, die alle ihre Berechtigung haben. Deine Freunde nehmen deine Handlungen wahr, so wie sie sie eben im Augenblick sehen. Sie kennen nicht alle deine Gedanken und Erfahrungen, die dahinter stecken, ziehen daher vielleicht andere Schlüsse als du denkst. Und sie bringen ihrerseits ihre Gedanken und Erfahrungen mit, d.h. sie hören und sehen Dinge durch ihre ganz eigene Brille. Da kann dann eben auch eine persönliche Interpretation dabei sein, die auf ihrer momentanen Verfassung beruht. Das ist auch der Grund, weshalb es so oft zu Missverständnissen kommen kann. Oder weshalb es so wichtig ist, zuzuhören, zu beobachten, wie jemand reagiert, nachzufragen, wenn man nicht sicher ist, ob man sich richtig verstanden hat.

Ich finde es toll, dass du so enge Freunde hast, die dir ihre Wahrnehmung spiegeln. Da kann man viel lernen. Über sich selber. Aber auch über die Freunde, die ihrerseits ein subjektives Feedback geben. Hast du nachgefragt, weshalb sie zu einer anderen Einschätzung als du kommen, woran sie das festmachen? Wenn du das weisst, könntest du versuchen, ein bisschen aus Distanz, wie eine Fremde auf den Sachverhalt zu blicken, zu überlegen, was diese Person wohl sähe. Mit der Distanz könntest du dich dann fragen, ob es so o.k. Oder du könntest Feedback geben, warum sie etwas falsch interpretieren. Mit der bewussten Distanz könntest du bei der Beurteilung die persönlichen Emotionen etwas aussen vor halten und gleichzeitig dir eine objektive(re) Meinung bilden. Gerade, weil du selbstkritisch vermutest, dass du gelegentlich sehr subjektiv bist, könnte das eine gute Übung für dich sein. Es ist übrigens ganz natürlich, dass Menschen oft zuerst ihre eigene Empfindung sehen. Man kann aber nach und nach lernen, die Blickwinkel zu wechseln und damit seine eigene Wahrnehmung zu erweitern und zu schärfen.

Hast du deine Freunde gefragt, weshalb sie denken, dass du Hilfe brauchst? Können sie dir konkrete Beispiele sagen - oder ist das nur eine Bemerkung, die einfach so nebenher gesagt wurde und der du vielleicht zu viel Gewicht beimisst? Versuche auch diese Aussage mit Distanz zu betrachten. Was fühlst du dabei? Auch hier kommt es nämlich letztlich darauf, was für dich stimmt. Denkst du, es wäre gut, wenn du mit jemand Aussenstehendem darüber reden könntest? Fändest du es gut, wenn dir jemand helfen würde, deine Gefühle zu sortieren? Wenn du das so empfindest, dann wäre es gut, wenn du dir diese Hilfe organisierst.

Auf alle Fälle wünsche ich dir viel Gelassenheit, Geduld und viele neue Erfahrungen.

Herzliche Grüsse, dein Tschau